Barocke und klassizistische Eulen im Schloss Ludwigsburg
 
Schloss Ludwigsburg entstand unter der Regentschaft von Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg (1676-1733). Zunächst als Jagdschloss 1704 begonnen, war die Anlage im Lauf von 29 Jahren zu einer gewaltigen Residenz und neben Mannheim zum größten deutschen Barockschloss geworden. Abseits des mittelalterlichen Stuttgarts konnte im „freien Feld“ die Vorstellung des Herzogs von einer modernen barocken Residenz und Stadt verwirklicht werden. Nach des Herzogs Tod erfuhr die Schlossanlage bis zum Ende der Monarchie vielfältige Veränderungen, so dass sich heute Kunstwerke aus verschiedenen Epochen finden. Jede Zeit hat ihre Spur hinterlassen. Aus der Barockzeit selbst blieb kaum ein Raumensemble vollständig erhalten, da bereits um 1800 durch König Friedrich I. (1754-1816) weite Teile der Anlage im klassizistischen Geschmack verändert wurden.
Aus allen Zeiten entdecken wir Eulen als Skulptur- und Gemäldebestandteile im Schloss. Sie treten entweder als Attribut der Pallas Athena auf oder finden sich im Gefolge der Nacht. Es gibt aber auch einige reine Naturdarstellungen. Im Folgenden sollen die Eulen in ihrem jeweiligen Zusammenhang vorgestellt werden.
 

Beginnen wir unsere „Eulen-Führung“ in der Ahnengalerie: Von 1731 bis 1733 malte der Italiener Carlo Carlone (1686-1775) das Deckenfresko.
Es zeigt die Huldigung der Künste und Wissenschaften an Herzog Eberhard Ludwig, der als Friedensfürst und Förderer der Künste gefeiert wird, während die Bildergalerie gegenüber den militärischen Ruhm des Fürsten huldigt. In der Mitte der Ahnengalerie befindet sich die Allegorie auf die Förderung der Künste durch die fürstliche Großmut. Diese weist die Freigebigkeit an, ihren Reichtum, Gold und Geschmeide, an die Künste zu verteilen.
Im Ausschnitt sind die Künste Bildhauerei, Architektur und Malerei zu sehen, denen Pallas Athena als Beschützerin, als Streiterin für diese Künste, zur Seite steht. Auf ihrem Helm sitzt eine Eule (Waldohreule oder Uhu?) – befremdet suchen wir Athenas Attribut, den Steinkauz. Die Lanze der Göttin weist zur fürstlichen Großmut, an die sich die Künste vertrauensvoll wenden sollen. Athena fasst die Hand der Malerei, um sie vor die Großmut zu führen. Athena oder Minerva, denn die Barockzeit benutzt lieber die römische Bezeichnung, ist einerseits die Schutzgöttin der Künste und Wissenschaften und personifiziert die Weisheit, meist durch die Eule versinnbildlicht, andererseits ist sie durch ihren Mut im Kampf auch eine Schutzgöttin des Krieges.
Im Gegensatz zum blind wütenden Kriegsgott Ares vertritt sie Intelligenz und Strategie im Kampf. Dieser Eigenschaften wegen wählt der absolutistische Herrscher Minerva gerne zur Beraterin, denn sie streitet für eine friedvolle Herrschaft. Das gesamte Fresko weist auf die Segnungen des Friedens hin, denn nur in der Friedenszeit können die Künste gedeihen.

Im Treppenhaus der Königin schuf Carlos Bruder Diego Carlone (1674-1750) einen großen Figurenzyklus, die Herrschertugenden vorstellend. Die überlebensgroßen Stuckfiguren, in barockem Pathos bewegt, stellen Fürsorge, Tapferkeit, Hoheit oder fürstliche Großmut, Gerechtigkeit, Wahrheit, Frieden und Weisheit dar. Die Weisheit wird wieder durch Minerva personifiziert, die erneut als Schutzgöttin der Künste und Wissenschaften in diesem Zyklus steht. Einen ganz direkten Bezug zwischen Eberhard Ludwig und Minerva zeigt ein Stuckrelief von Donato Giuseppe Frisoni (1683-1735). Es befindet sich in der ehemaligen Bildergalerie im
2. Stock des Alten Hauptbaus, der auch Fürstenbau genannt wird. In der Mitte ist des Herzogs Büste zu sehen, darüber halten Putten ein Spruchband, das einmal eine Devise getragen hat. Links sitzt Minerva als Beraterin des Fürsten auf der Wolkenbank, rechts eilt der Ruhm, Fama, herbei, die Büste mit dem Lorbeerkranz des Siegers und dem Palmzweig zu schmücken. Weitere Tugenden rahmen die Darstellung. So sonnt sich der absolutistische Herrscher im Glanze der Weisheit Minervas, lässt sich von ihr beraten und leiten, von ihr den Frieden erstreiten und feiert sie als Schutzgöttin seines Landes, indem durch ihre Protektion die Künste gedeihen. Durch seine geistige Verbindung mit Minerva soll ihm ewiger Ruhm und Ehre zuteil werden.

Zurück in der Ahnengalerie finden wir eine zweite Eule im Fresko; als Symbol der Nacht ist sie hier düster dargestellt. Auf Athenas Helm symbolisiert sie deren Weisheit, denn wie der Blick der Eule die dunkle Nacht durchdringt, durchdringt ihr Geist die Finsternis. Daher wird sie auch die Eulenäugige genannt (vgl. Kauzbrief 6 [10]: 9). In der Darstellung der Nacht, der geheimnisvollen Dunkelheit, verkörpert die Eule dagegen eine finstere, undurchsichtige Seite des Lebens. Die Morgenröte vertreibt die Finsternis ist das Thema dieses Feldes. Die Eule fliegt aufgescheucht vom Licht davon, der Schlaf reibt sich die Augen, die Unwissenheit (?) mit abgewandtem Kopf stürzt in die Finsternis, mit ihr die Nacht (?) mit Fledermausflügeln. Hier kommt das durch die Jahrhunderte verbreitete ambivalente Wesen der Eule zum Tragen. Wird sie positiv besetzt, verkörpert sie die Weisheit, die mit ihren Augen die (geistige) Dunkelheit durchdringt. Wird sie negativ gesehen, was auch die christliche Symbolik für diese meist nachtaktive Vogelordnung mitverursacht hat, scheut sie das Licht des Erlösers und steht für Sünde, Unglauben, Unheil und Tod, ist sie ihres klagenden Rufes wegen eine Todesankünderin. Als angeblich tagblinde Eule, auf die die Singvögel „hassen“, kann sie aber auch als Sinnbild für die Blindheit der Nicht-Christen gegenüber den Lehren von Christus stehen oder mit der Dornenkrönung gleichgesetzt werden.

Eine weitere schöne Darstellung der Athena mit der Eule malte 1731 Carlo Carlone im Vorzimmer der Königin. Die Weisheit Minervas beinhaltet vor allem geistige Eigenschaften wie Einsicht und Unterscheidungsvermögen, die das Äußere der Dinge durchdringen. Ihre Weisheit ist daher ewig und absolut. Minerva als Kämpferin kann sowohl die Unwissenheit und maßlose Begierde besiegen sowie Wahrheit und Unschuld schätzen. Jeder Kriegsherr, der sich ihr anvertraut, wird den Sieg erringen. Vor allem aber verteidigt sie die Kunst gegen Neid und Unverstand. Ewige Weisheit „so achtet wahre Kunst das tolle bellen nicht./ Und ihr mit Schuz steht bey das helle Klugheit=Liecht“, heißt es auf der Inschrift eines Stiches von Philipp Kilian (1628-1693) aus Augsburg (s. Katalog Barocke Bilder – Eythelkeit, Allegorie-Symbol-Personifikation.– Benediktinerstift Göttweig 1993).
 
Der Böhme Andreas Quittainer (1674-1729) schuf 1714/15 eine Statue der Pallas Athena für das Treppenhaus des Riesenbaus, das so repräsentativ ausgestattet wurde, da es ursprünglich zu einer nie ausgeführten Kapelle führen sollte. Stattdessen entstand ein Festsaal. Riesen stützen das Gewölbe, in dessen Hintergrund die Statue steht. Erhaltene Deckenfresken von Colomba, die Gerechtigkeit und Stärke darstellend, lassen diese Figur, ähnlich der im späteren Treppenhaus im Neuen Hauptbau, in einem Tugenden-Zyklus erscheinen. Athenas Hand stützt sich auf das Schild mit dem Medusenhaupt, zur ihrer Rechten sitzt eine fast naturgetreue Eule, die durchaus als Steinkauz anzusprechen ist. Die Wut der Athena auf die schöne Gorgone Medusa rührt von zwei Vorfällen her. Zum einen hatte Poseidon sie in einem der Athena geweihten Tempel besessen, zum anderen hatte Medusa geprahlt, sie übertreffe die Göttin an Schönheit. Daraufhin ließ Athena sie so hässlich werden, dass jeder, der sie anblickte, zu Stein erstarrte. Athena half dann Perseus Medusa zu töten, und als dieser der Göttin das abgeschlagene Haupt überreichte, setzte sie das Haupt in ihren Schild ein.

Als Kontrast zum barocken Pathos der vorgestellten Athena- bzw. Minerva-Figuren sei hier eine klassizistische Athena gezeigt, die eine Uhr, um 1800 entstanden, im Arbeitszimmer der Königin bekrönt. Eine kleine, stilisierte Eule, die man bei flüchtigem Hinsehen für einen Federbusch halten könnte, ziert Athenas Helm. Die barocke Bewegtheit ist zu Gunsten einer klaren Linie aufgegeben.

Es gibt im Schloss auch Eulendarstellungen, die man als Naturstudien bezeichnen kann. Sie treten als Tierstudien ohne größeren ikonographischen Zusammenhang auf. Eine Eule findet sich unweit Quittainers Minerva an der Treppe des Riesenbaus. Sie sitzt auf einem abgestorbenen Ast. Neben ihr befindet sich die Darstellung des Elements Luft, auf das sich die Eule (Waldkauz?) möglicherweise bezieht. Es handelt sich um ein Fresko des Hofmalers Luca Antonio Colomba (1661-1737), das er um 1714/15 gemeinsam mit dem Zyklus der vier Elemente und der vier Jahreszeiten malte. Das Element Luft zeigt Juno, von Pfauen umgeben, in den Wolken sitzend. Verschiedene Vögel bevölkern die Landschaft. Eine zweite Eule, wohl ein Uhu, von Colombas Hand blickt uns im sogenannten Vogelzimmer im Erdgeschoss des Ordensbaus an. Aus der (z.Zt. nicht zugänglichen) Porzellansammlung des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart werden wir im Neuen Hauptbau des Ludwigsburger Schlosses ab 2002 einen schönen Teller bestaunen, den eine Waldohreule schmückt, von der Hand der Königin Charlotte Mathilde bemalt. Die Gemahlin von König Friedrich I. war eine begabte Malerin und sehr kunstsinnig.
Der Steinkauz als Symbol Athenas taucht noch am Unterfahrtsportal des Alten Hauptbaus auf. Dabei handelt es sich um Sandsteinreliefs von Quittainer. Darauf finden sich neben Waffen und Fahnen als Kriegsinsignien Attribute der Athena und des Herkules. Wir entdecken Athenas Medusenschild und ihren Helm, auf dem die Eule sitzt, umgeben von Olivenbaumzweigen, dem heiligen Baum der Göttin. Aus der Komposition ragt die Keule des Herkules hervor, auf der ein Löwenkopf steckt. Eberhard Ludwigs „Burg“ demonstriert dessen Kraft, Stärke und Tugend (Herkules) sowie dessen Weisheit und Strategie (Athena); seine Kriegstaten werden hier gerühmt. Gleichzeitig scheinen die außen aufgehängten Waffen auf das Ende des Krieges zu verweisen, so dass Athena ihre Friedenstaten entfalten kann; dennoch soll ihr Schild jeden Feind schrecken.
Eine weitere Darstellung der Nacht enthält außer dem Deckenfresko der Ahnengalerie der Ordensbau, möglicherweise von Colomba. Vielleicht stammt die an einen Uhu erinnernde Eule (mit Maus im Schnabel) aber auch aus dem 19. Jahrhundert. In jedem Fall lassen sich diese Treppenhausbilder schwer deuten, zumal das Treppenhaus selbst die Apotheose des Herkules zeigt und die Dekoration der Wände im Gang selbst fehlt. Das zugehörige Vestibül zeigt eine Allegorie auf die militärischen Erfolge des Herzogs. An vielen Stellen lässt sich keine eindeutige Aussage zur Programmatik finden, da das barocke Programm in der Nachfolge zu sehr verstümmelt wurde.
Die umfangreichste Darstellung der Nacht befindet sich im Aurorazimmer des Alten Hauptbaus. Dieses Zimmer gehört zur ehemaligen Wohnung Eberhard Ludwigs, die der Böhme Johann Jakob Stevens von Steinfels (1651-1730) in den Jahren 1709 bis 1711 mit Fresken ausmalte. Das Aurorazimmer zeigt Phöbus Apollons auf dem Sonnenwagen wie er mit Aurora die Nacht und ihre Schrecken vertreibt. Für Württemberg war es das erste Mal, dass eine ganze Raumfolge nach einem einheitlichen Programm ausgestattet wurde und dass ein Fresko die ganze Decke überspannte – ohne rahmenden Stuck. Der Raum diente dem Herzog als Audienzzimmer. Man darf also in diesem Gemälde getrost eine Anspielung auf den Regierungsstil des Herzogs sehen: Diese Regierung kommt über Württemberg als etwas Neues, bricht an wie der neue Morgen. Der Herrscher vergleicht sich mit dem Glanz der aufgehenden Sonne – ein typisch absolutistisches Programm. Die Nacht bedeckt ihr Haupt mit einem Sternentuch. In ihrem Schoß ruhen ihre Kinder. Das linke Kind – mit einem Kranz aus Mohnkapseln auf dem Haupt – stellt den Schlaf dar. Das rechts lehnende Kind ist der Tod mit dem Totenschädel. Die rätselhaft aufmerksame Schleiereule scheint auf den Tod bezogen zu sein. Die Gruppe wird von Phosphros (Lichtbringer), dem Morgenstern, bedrängt. Mit einer Fackel in der Hand fliegt er heran, als Sinnbild eines neuen Welttages. Zusätzlich breitet ein Uhu (?) seine Schwingen aus, dem Licht zu weichen. Die Fresken wurden unter König Friedrich I. übertüncht, 1864-66 auf Anregung von Minister Varnbühler aufgedeckt und 1953 nochmals gereinigt. Es bleibt die Frage offen, wieviel Gemäldeteile tatsächlich aus der Barockzeit stammen. Eine Dokumentation während der Aufdeckung wurde nicht angefertigt. Vielleicht wurde in die Bilder hineingemalt. Der Stuck der Fensternischen, 1956-64 nach aufgedeckten Umrissen wieder plastisch aufgetragen, bildet, zur Thematik der Decke passend, verschiedene Tages- und Nachtzeiten ab.
Die Vertäfelung der Sockelzone der Wände des Aurora- zimmers zeigt Nacht- und Schlafdarstellungen. Diese Malereien stammen ursprünglich von Colombas Hand (um 1713), waren aber ebenfalls überstrichen und wurden 1962 aufgedeckt. Auch hier ist heute unklar, wieviele Ergänzungen die Bilder erfahren haben. Sie sind in jedem Fall nicht nur aufgedeckt und in ihrem Originalzustand belassen worden. Der Sinn dieser Darstellungen ist schwierig zu deuten.

Zum Abschluss noch einige Beispiele aus der Zeit des Klassizismus. Es wurden ja bereits die Minerva-Uhr sowie der Eulen-Teller vorgestellt. In den Räumen der Königin steht noch eine andere Uhr – geziert mit Darstellungen aus der Fabelwelt La Fontaines. Der Dichter selbst ist bei
der Arbeit zu sehen, flankiert von Adler und Eule, diese mit extrem ausgeprägtem Gesichtsschleier.

Aus der gleichen Zeit (1798/99) stammt die Ausmalung des Jagdzimmers mit einer Uhu-Darstellung im Schloss Favorite nach Entwürfen von Nikolaus Friedrich von Thouret. Er war der führende Architekt und Raumausstatter von König Friedrich I. und Königin Charlotte Mathilde,
die das kleine barocke Jagdschloss (1718 bis 1722 von Eberhard Ludwig erbaut und gerade 350 Meter vom Residenzschloss entfernt) innen umgestalten ließen.
Die letzte Eulendarstellung weist zurück in die Renaissance. Das Original findet sich in den Fresken Raffaels in den Loggien des Vatikans wieder. Eine Stichfolge, 1772-77 gestochen und koloriert von G. Ottaviani und
G. Volpato nach Raffaels Vorbild, hängt im Vorzimmer der Bildergalerie des Residenzschlosses in Ludwigsburg. Herzog Karl Eugen (1728-1793) erwarb diese Stiche in Rom.

 

Kunst und Eulen haben etwas gemeinsam: Beide benötigen Schutz. Daran erinnere das originale Sandsteinrelief vom Alten Hauptbau. Der Steinkauz auf Athenas Helm, schwer zerfressen, hat heute im Lapidarium Schutz gefunden.


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Daniel Schulz